Interview:Wie KI die Anforderungen bei Deloitte und in der Industrie verändert

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20231116 André Bedenbecker

Interview

20231116 André Bedenbecker

André Bedenbecker

Partner und Niederlassungsleiter, Deloitte Düsseldorf

Künstliche Intelligenz verändert die Unternehmenswelt. Die digitale Transformation ist auch bei Deloitte in vollem Gange. In dem vor zwei Jahren fertiggestellten Office in Düsseldorf erinnert nichts mehr an die Zeit, als Unternehmensberater, Steuerberaterinnen und Wirtschaftsprüfer noch mit Aktenordnern über die Flure liefen und das gleichmäßige Summen der Drucker und Faxgeräte die Geräuschkulisse im Hintergrund bestimmte. Optisch erinnern die Büro-Etagen an gemütlich und modern eingerichtete Lounges im skandinavischen Stil – minimalistisch, viel Holz, und sehr viel Platz. Hier treffen wir André Bedenbecker, Partner und Niederlassungsleiter von Deloitte in Düsseldorf sowie Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr, zum Interview.

Herr Bedenbecker, im vergangenen Jahr hat Deloitte gemeinsam mit dem Initiativkreis Ruhr den her.summit, ein Netzwerkevent für Managerinnen, veranstaltet. Das Thema des Events: Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf die Unternehmenswelt. Welche Veränderungen spüren Sie davon bei Deloitte?

Das betrifft in uns in vielen Bereichen, ob im Consulting, Risk Advisory oder der Abschlussprüfung. KI kann jetzt schon – zum Beispiel im Bereich Consulting – einen Teil der Basisrecherchen oder Erstanalysen erledigen. Das stellt uns allerdings auch vor neue Herausforderungen. Wir arbeiten mit vertraulichen und sensiblen Unternehmensdaten. Daher haben wir bei Deloitte ein eigenes KI-Tool entwickelt und allen Mitarbeitenden zur Verfügung gestellt. Das Tool arbeitet mit aktuellen Daten, halluziniert nicht und die Quellen sind uns bekannt. In der Abschlussprüfung gibt es bestimmte Aufgaben, die künftig von KI erledigt werden können. Zudem basiert die Prüfung mit solchen Tools auf den kompletten Unternehmensdaten und nicht mehr nur auf Stichproben. Wir investieren bei Deloitte weltweit Millionen, um KI-Tools (weiter) zu entwickeln, die künftig bestimmte Tätigkeiten selbstständig übernehmen können. Für komplexere Aufgaben braucht es natürlich nach wie vor den Menschen – aber eben auch nicht mehr nur den klassischen Wirtschaftsprüfer, sondern zunehmend auch Datenanalysten.

Sie haben bei Deloitte sogar ein eigenes KI-Institut gegründet. Was passiert dort?

Unser AI Institute in Deutschland wurde 2020 gegründet und ist Teil von Deloittes globalem AI Institute Netzwerk; Deloittes Forum für alle Entwicklungen und Best-Practices zum wertschöpfenden und vertrauenswürdigen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das AI Institute unterstützt unsere Kunden holistisch von KI Strategie bis zur wirtschaftlich nachhaltigen Skalierung von KI im Unternehmen und hat dabei aktuelle Entwicklungen immer im Blick. Hier entstehen auch unsere umfassenden KI-Studien, die sowohl den Stand und den Ausblick als auch Hindernisse und Erfolgskriterien beim Einsatz von KI untersuchen. Diese werden ergänzt durch weitere Artikel zu bewährten Vorgehensweisen beim Einsatz von KI, die wir aus den Studien und insbesondere unseren praktischen Erfahrungen gemeinsam mit Kunden rund um den Globus ableiten.

Natürlich betrachten wir im AI Institute aktuelle Technologieentwicklungen zu KI nicht nur, um diese verständlich darzustellen, sondern auch um gemeinsam mit Kunden und Kollegen sowie dem erweiterten Deloitte KI-Ökosystem innovative, industriespezifische KI-Lösungen zu erarbeiten. Diese bleiben keine Konzepte, sondern werden eng mit unseren Produkt-Teams als praktisch nutzbare und wiederverwendbare Assets entwickelt, um den Weg vom Hype zur nachhaltigen Wertschöpfung zu ebnen.

In einer hauseigenen Studie hat Deloitte 2.800 Führungskräfte aus aller Welt befragt, die mit der Implementierung von generativer KI in ihren Unternehmen betraut sind. Die Mehrheit von 80 % ist der Auffassung, dass dieser nächste Schritt in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in den nächsten drei Jahren ihre Unternehmen signifikant verändern wird. Wie könnten diese Veränderungen konkret aussehen?

Zum Beispiel könnten künftig Bilanzierungsfragen von KI-Tools gelöst werden oder wir lassen die Grunddaten in Anhängen und Lageberichten von solchen Tools prüfen. Dann können wir uns auf die wichtigen Kernaussagen konzentrieren. Ich denke, es wird so kommen, dass wir gewisse Standard-Tools benutzen werden für alles, was mit der Analyse großer Datenmengen zu tun hat. Das machen wir heute zum Teil auch schon. Das heißt aber auch, dass der Mensch die richtigen Fragen stellen muss und die KI, wie es auch schon beim her.summit gesagt wurde, gewissermaßen erziehen muss. Wenn ich einem Analyse-Tool die falsche Frage stelle, kommt keine vernünftige Lösung dabei raus. Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Mitarbeitenden. Wir brauchen mehr Datenanalysten, IT-Spezialisten und allgemein deutlich technikaffinere Fachkräfte als früher.

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André Bedenbecker über die Wirkweisen von KI Fotocredit: Donna und der Blitz

Der digitale Transformationsprozess ist rasant. Wie gelingt er nicht nur bei Deloitte, sondern auch bei den vielen Industrieunternehmen, die Sie beraten? Sind die Unternehmen gut aufgestellt?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche, vor allem global agierende Unternehmen, befassen sich intensiv mit der Digitalisierung. Andere fragen sich zunächst: Brauche ich das überhaupt? Welchen Rahmen soll das haben? Wer überwacht und steuert das? Datenschutz ist dabei auch ein wichtiges Thema. Wir veranstalten im April einen CFO-Round Table in Düsseldorf, bei dem wir mit CFOs und unseren KI-Spezialisten darüber diskutieren wollen, wie sich KI auf die Finanzfunktion in den nächsten fünf Jahren auswirken wird. Wir wollen aber auch über Fragen der Governance und Ethik sprechen.

Mit Blick auf die Unternehmen kommt es auch auf die Größe und Branche an. Große Konzerne und Unternehmen im IT-nahen Bereich verfolgen die Entwicklung rund um KI sicherlich deutlich intensiver als kleinere Unternehmen oder Unternehmen, in denen traditionell IT nicht so eine große Rolle spielt. Für die Finanzfunktion ist es sinnvoll, zu evaluieren, welche Tätigkeiten KI künftig übernehmen kann. Viele Standardanalysen können heute schon mit KI-Tools automatisch erledigt werden, sodass sich auch Aufgabenfelder verschieben und Mitarbeitende sich stärker anderen Bereichen widmen können.

Die veränderten Anforderungen für Unternehmen und Mitarbeiter bringen auch neue Rahmenbedingungen für den Recruitingprozess mit sich, richtig?

Wir setzen schon Tools ein, um Bewerbungen zu analysieren. Das stellt bei dem riesigen Bedarf von knapp 4.000 neuen Mitarbeitenden, die wir jedes Jahr einstellen, eine enorme Hilfe dar. Die Anzahl der Bewerbungen, die bei uns eingehen, liegt bei ca. 160.000. Da kann KI eine erste Vorauswahl leisten, jedoch nicht den persönlichen Eindruck ersetzen oder ungewöhnlichere Lebensläufe entsprechend würdigen. Es gibt immer wieder Bewerber, die nicht unbedingt den klassischen Lebensweg vorweisen können, aber vielleicht genau deswegen eine ganz interessante Vorbildung vorzuweisen haben oder eine ganz besondere Fähigkeit mitbringen. Wir sind am Ende eben doch ein menschengetriebenes Geschäft, in dem es darauf ankommt, im Team zusammen arbeiten zu können. Und ich glaube nicht, dass eine KI einschätzen kann, ob jemand ins Team passt oder nicht.

Viele junge Talente befinden sich mit der einzigartigen Hochschullandschaft in der Rhein-Ruhr-Region. Wie wichtig ist dieser Standort in diesem Hinblick für Deloitte?

Viele der Hochschulen in unserer Region bespielen akademisch genau diese Themen, über die ich gerade gesprochen habe und ermöglichen Studierenden den Erwerb der Qualifikationen, die wichtig sind, um bei uns einzusteigen. Das ist also ein entscheidender Punkt für uns bei Deloitte, weshalb wir im engen Austausch mit den Hochschulen an Rhein und Ruhr sind und Vorlesungen und Workshops anbieten. Aber nicht nur dies: Wir werden neben Düsseldorf bald auch im Ruhrgebiet, in meiner Heimatstadt Essen, ein Office eröffnen, um noch näher an die Metropole Ruhr zu rücken. Wir haben im Ruhrgebiet nicht nur viele große Mandanten aus der Industrie, sondern eben auch viele gute Nachwuchstalente an den Hochschulen, die wir für uns gewinnen wollen.

Es fällt auf, wie viele junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie hier bei Deloitte haben. War das immer schon so?

Tatsächlich, ja. Wir sind in gewisser Weise auch ein Ausbildungsbetrieb für die Talente, die von den Hochschulen kommen und bei uns in unterschiedlichen Disziplinen gut weitergebildet werden und eine schnelle Lernkurve haben. Entsprechend haben wir auch immer eine gewisse, gesunde Fluktuation. Unsere Mitarbeiter sind sehr gefragt in der Industrie und bekommen aufgrund ihrer exzellenten Ausbildung gute Angebote von Unternehmen. Und davon profitiert die Region am Ende natürlich auch.