Interview:Die Rhein-Ruhr-Region als Silicon Valley der Kreislaufwirtschaft

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Copyright: Jan Turek/Circular Valley

Interview

Carsten Gerhardt_Portrait

Dr. Carsten Gerhardt

Gründer der Circular Valley-Stiftung

Die Metropolregion Rhein-Ruhr soll das internationale Zentrum der Kreislaufwirtschaft werden, so das Ziel der 2021 in Wuppertal gegründeten Circular Valley-Stiftung. Orientiert an dem Hightech- und IT-Vorbild des kalifornischen Silicon Valley möchte der Vorsitzende Dr. Carsten Gerhardt die Rhein-Ruhr-Region zum globalen Hotspot der „Circular Economy“ gestalten. Wie er auf die Idee kam, welche Themenschwerpunkte die Stiftung für die nächsten Jahre vorgesehen hat und warum er vor allem für die erweiterte Rhein-Ruhr-Region zuversichtlich ist, verrät uns Dr. Carsten Gerhardt im Interview.

Die Rhein-Ruhr-Region als „Silicon Valley der Kreislaufwirtschaft“. So formulieren Sie die Vision der Circular Valley-Stiftung. Beschreiben Sie einmal, was hinter dieser Vision steckt.

Wir wollen in den nächsten Jahren die Kompetenzen der Großregion im Bereich der Kreislaufwirtschaft so bündeln, dass wir nicht nur ein internationales Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft entwickeln, sondern auch ein Inkubationsraum für Innovationen werden. Das Circular Valley wird sozusagen ein Befruchter von Ideen, Technologien und Geschäftsmodellen, um aus der Region heraus Lösungsansätze für das weltweite Emissionsproblem zu geben. Und der Bedarf ist natürlich groß: Jährlich werden weltweit etwa 100 Milliarden Tonnen Emissionen produziert. Mit einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft können und müssen wir das deutlich reduzieren. Mit verschiedenen Recyclingverfahren geht das bereits gut, viele Kreisläufe können aber bis heute noch nicht geschlossen werden.

Im Mai 2021 haben Sie die Circular Valley-Stiftung gegründet. Die Idee dazu reifte aber schon länger. Wie kam es schließlich dazu, die Stiftung mit der beschriebenen Vision ins Leben zu rufen?

Da sind im Prinzip zwei Strömungen zusammengeflossen: Zum einen gibt es hier in Wuppertal eine Bürgerinitiative mit mehr als 1300 Mitgliedern und vielen weiteren Unterstützern – die Wuppertalbewegung, die einen 20 Kilometer langen Radweg auf einer stillgelegten Eisenbahntrasse durch Wuppertal initiiert und teilweise auch selber gebaut hat. Mit dieser sogenannten Nordbahntrasse sowie der Schwarzbachtrasse und einem Bürgerpark haben wir in den letzten Jahren schon ein starkes lokales, zivilgesellschaftliches Engagement bewiesen. Vor etwa drei Jahren kam dann aber die Frage auf, wie wir uns in der gesamten Großregion über Themen jenseits des Baus solcher lokalen Infrastrukturen engagieren können.

Von dem Bau eines Fahrradweges bis zum Silicon Valley der Kreislaufwirtschaft ist es aber ein ziemlich großer Sprung.

Zum einen war es die Motivation und das Bewusstsein aus dem Bürgerverein heraus, dass wir ein Thema mit Strahlkraft für die Großregion kreieren wollen. Zum anderen – die zweite Strömung, von der ich sprach – war es eine ganz persönliche Erfahrung. Beruflich war ich häufig im Silicon Valley, und jedes Mal, wenn ich dort war, habe ich mich gefragt: Was ist es, dass wir in dieser so einzigartigen Rhein-Ruhr-Region können und uns einzigartig macht? Was könnte dazu führen, dass die Welt wie beim Thema Digitales ins Silicon Valley, aber bei einem anderen Thema zu uns kommt? Und daraus ist schließlich die Circular Valley-Stiftung entstanden.

Warum bietet sich gerade die Rhein-Ruhr-Region dafür an?

Die Rhein-Ruhr-Region ist aus mehreren Gründen das ideale Circular Valley. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Industriebreite mit mehr als 300 Weltmarktführern. Zum anderen – und das ist vielleicht nicht immer so bewusst – sind wir hier bereits das europäische Zentrum der Recyclingwirtschaft mit zahlreichen etablierten wie jungen Firmen aus diesem Bereich. Wir haben zudem eine ganz einzigartige Wissenschaftslandschaft zu dem Thema und sind insgesamt extrem kosmopolitisch.

Sie beschränken sich dabei bewusst nicht nur auf das Ruhrgebiet oder das Rheinland, oder?

Ganz genau. Wenn man in einem globalen Maßstab denkt, dann liegen im weiteren Rhein-Ruhr-Gebiet viele starke Regionen dicht beieinander, über 15 Millionen Menschen in einem Kreis von nur 100 km Radius – die größte Metropolregion in Mitteleuropa. Die Trennung von Ruhrgebiet, Rheinland, Niederrhein, Bergischem Land, Münsterland, Ostwestfalen-Lippe, Sauerland und Südwestfalen ist für jemanden, der von São Paulo oder Shanghai auf unsere Großregion blickt, nicht verständlich.

Wenn man in einem globalen Maßstab denkt, dann liegen im weiteren Rhein-Ruhr-Gebiet viele starke Regionen dicht beieinander, über 15 Millionen Menschen in einem Kreis von nur 100 km Radius – die größte Metropolregion in Mitteleuropa.

Dr. Carsten Gerhardt

Sie meinen also, dass wir uns für die Vision eines Circular Valley der Kreislaufwirtschaft von einem zu stark regionalen Denken lösen müssen?

Ich denke ja. Das, was in den Regionen identitätsgebend war, gibt es in dieser Form ja heute auch nicht mehr – ob im Ruhrgebiet der Bergbau oder am Niederrhein die Textilindustrie. Diese Historie und Erinnerungen daran halten wir zurecht hoch, allerdings haben wir uns von diesen historischen Wurzeln heute auch stark gelöst und müssen nach vorne schauen. Keine der Regionen ist bei diesem Thema groß genug, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Um ein Fußballbild zu bemühen: In jeder Region gibt es exzellente Profifußballer. Wenn wir die jetzt zusammenbringen, dann spielen wir mit um die internationalen Titel.

Circular Valley
Copyright: Jan Turek/Circular Valley

Es geht Ihnen dabei auch um die Verknüpfung der bewährten und neuen „circular companies“. Inwiefern hat aber auch in dieser „old economy“, die von einer linearen Wirtschaft geprägt waren, in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden?

Die Erkenntnis, dass wir anders wirtschaften müssen, ist mittlerweile überall da. Drei Trends haben das in jedem Fall massiv verstärkt: Erstens die Ressourcenengpässe, die Unternehmen spüren, wenn verschiedenste Materialien aus ganz anderen Weltregionen kommen. Zweitens das Thema Reputation, das gerade Hersteller im B2C-Bereich betrifft. Und drittens die Regulation. Der Green Deal der EU schreibt seit 2020 Wiederverwendungsquoten in den allermeisten Bereichen vor. Und die werden immer höher gehen, was auch gut ist. Historisch hat es Politik durch Regulation ganz oft geschafft, uns technisch nach vorne zu bringen und Umweltstandards zu erhöhen. Und dabei wollen wir mit unserem Netzwerk, aus einer unabhängigen Position heraus, als gemeinnützige Stiftung unterstützen und Vorschläge erarbeiten.

Anders zu wirtschaften heißt möglicherweise auch Verzicht. Zumindest wird dieser Begriff rund um das Thema Klima- und Umweltschutz gesellschaftspolitisch oft strittig diskutiert. Der Leitspruch der Stiftung lautet dagegen: „Grow the economy – protect the environment“. Ist ein immer stetiges Wachstum und ein immer mehr an Konsum orientiertes Wirtschaften überhaupt mit dem Schutz der Umwelt vereinbar?

Ich glaube, die Befürchtung, dass wenn man den Menschen keine Verzichtsdebatte auferlegt, sie am Ende maßlos werden, ist unbegründet. Es gibt irgendwann eine natürliche Sättigung in ganz vielen Bereichen. Ich denke zum Beispiel nicht, dass die Anzahl der Privatwagen in Deutschland in den kommenden Jahren noch sehr signifikant steigen wird, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Wir haben uns hierzulande ja auf einem gewissen Wohlstandsniveau eingependelt. Global gesehen wird es aber noch lange Wirtschaftswachstum geben. Und auf diesem Wege müssen wir es mit technischen Innovationen schaffen, zum einem zu diesem Wachstum beizutragen und zugleich unsere Umwelt zu schützen.

Innovationen sollen aus ihrer Stiftung heraus u.a. durch das Startup Accelerator-Programm kommen.

Und da sind viele Lösungen dabei, die jetzt und in Zukunft einen ganz wichtigen Beitrag dazu liefern, Emissionen einzusparen. Das sind Startups aus dem Bereich der Bioökonomie bis hin zu hoch technologischen Lösungen, die wir seit Beginn dabei haben. Zweimal im Jahr laden wir etwa 15 Gründer-Teams aus aller Welt ein und bringen sie mit unserem Circular Valley-Netzwerk zusammen.

An welchen Themen arbeiten die Startups konkret?

Um mal zwei Beispiele zu nennen: Wir haben mit dem Startup Carboliq aus dem nordöstlichen Ruhrgebiet ein Startup dabei, das sich mit der ganz wichtigen Zukunftstechnologie chemisches Recycling beschäftigt und ein Verfahren zur Verflüssigung fester Kohlenwasserstoffe entwickelt hat, um damit den Kunststoffkreislauf zu schließen. Dieses Startup arbeitet mittlerweile mit mehreren Unternehmen aus unserem Netzwerk zusammen.

Ein anderes Beispiel ist das Startup Carbonauten, das Kohlenstoff aus pflanzlichen Abfällen langfristig bindet. Sie haben ihre erste große Finanzierung zum Bau von Produktionsanlagen aus den Reihen unserer Partnerunternehmen erhalten.

Gibt es Themen, auf die Sie sich mit der Circular Valley-Stiftung in den nächsten Jahren fokussieren?

Wir haben uns jetzt auf fünf wesentliche Themen konzentriert, die wir Giga Impact Topics nennen, weil sie aktuell so einen großen Umwelteinfluss haben. Das sind einmal die Baumaterialien. Zweitens Investitionsgüter, inklusive der erneuerbaren Energien. Dabei schauen wir ganz konkret darauf, wie diese erzeugt, transportiert und gespeichert werden können. Vor allem aber auch darauf, wie sich z.B. Windräder, Batterien oder Solarpanele rezyklieren und stoffgleich wiederverwerten lassen können. Das dritte Gigathema ist Wasser, in all seinen Schattierungen von der Gewinnung in wasserarmen Gebieten bis zur Wasseraufbereitung in wasserreichen Gebieten. Ein viertes Thema sind Konsumgüter und ein fünftes Agrarprodukte.

Daneben haben wir noch Querschnittsthemen, wie etwa industrielle Symbiose. Wie kann die Industrie so zusammenarbeiten, dass der Stoff des einen Unternehmens Ausgangsstoff für das nächste sein kann? Oder das Thema der haushaltsnahen Sammlung von Post Consumer Restströmen. Dabei bietet sich z.B. die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Lieferdiensten an. Dutzende von Lieferdiensten tragen Dinge in die Haushalte hinein, aber fast keiner nimmt wieder was mit, von Ausnahmen abgesehen. Aber dass man konsequent Wertstoffe vom Konsumenten wieder mitnimmt, wie man sie dahin getragen hat, ist etwas, was uns umtreibt und wo wir gerne dran arbeiten wollen.

Für diese Themen und Herausforderungen Lösungen zu finden, ist eine riesige Chance in der Rhein-Ruhr-Region, die wir jetzt ergreifen sollten. Und dazu laden wir alle Akteure ein, die einen Beitrag leisten wollen.

Vielen Dank für das Interview!